Stadt, Kultur und Lebensweise
Guten Abend Deutschland!
So, ganz nach dem Vorbild von Oskar habe ich mich jetzt mal entschieden, auch was Allgemeines zu Stadt und Kultur zu schreiben, da das vielleicht von Vorteil zum Verständnis Russlands und seiner Menschen sein könnte. Mit den fettgeschriebenen Begriffen versuche ich den Text besser zu gliedern, da er doch recht lang geworden ist!
Das auf mehrere Dutzend Inseln verteilte Sankt Petersburg wird im Russischen meist Питер (Piter) oder unter einigen Jugendlichen sogar nur Saint-Pete genannt und von einer Gouverneurin (Walentina Matwijenko) geleitet, da sie eine direkt der Regierung unterstellte Stadt ist (wie auch Moskau). Die Stadt hat etwa fünf Millionen Einwohner bei einer Bevölkerungsdichte (ca. 3.200 EW/km²), die etwas niedriger als die von Berlin ist. In 18 Bezirke (районы) gliedert man die ungefähr 1.400 km² (= Istanbul) große nordwestrussische Metropole, die 1703 von Peter dem Großen als Planhauptstadt gegründet wurde. Schon neun Jahre später wurde Москва (Moskau) auch von dieser Aufgabe abgelöst und sollte vor 1918 diese ehrenhafte Aufgabe nicht zurückerlangen. In den folgenden Jahrzehnten und zwei Jahrhunderten entwickelte sich Sankt Petersburg außergewöhnlich schnell und war auch lange Zeit einwohnerreichste Stadt Russlands (1725: 70.000; 1784: 192.000; 1835: 515.000 [vgl. Moskau: 300.000]). Zu den ersten bedeutenden Bauten der Stadt gehören die Admiralität, die Festung Kronstadt, sowie eine Straße, die man ab 1788 Невский проспект (Newskij Prospekt) nennen sollte. Der Winterpalast wurde 1762 fertiggestellt. Dass Sankt Petersburg schon immer "revolutionär" war, zeigen folgende Angaben: Revolution von 1905 bis 1907, Februarrevolution 1917, Oktoberrevolution 1917. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1904) erfolgte die erste Umbennung der Vielnamenstadt in Petrograd, da man einen deutsch klingenden Namen für nicht mehr angemessen hielt. Nach weiteren zehn Jahren ehrte man Lenin fünf Tage nach seinem Tod, indem man die Stadt Leningrad nannte. Zur Verlegung der Hauptstadt nach Moskau kam es übrigens, als Sankt Petersburg in einer hochgefährlichen militärischen Lage gegenüber (wem wohl...) den Deutschen war. Aufgrund des Krieges und des Funktionsverlustes schrumpft die Bevölkerung Petrograds von 1916 bis 1920 von 2,4 Millionen auf 722.000. Während der (wiederum) deutschen Blockade der 900 Tage von 1941 bis 1944 sterben bis zu einer Million Leningrader. Der totale Sozialismus brachte die Wirtschaft und Bevölkerungsentwicklung zum Fortschritt: die Einwohnerzahl steigt zügig auf fünf Millionen im Jahr 1970. Die Metro (eigentlich Метрополитен - Metropoliten) wird 1955 teileröffnet. Im Juni 1991 schließlich entschied sich eine knappe Mehrheit der Leningrader, die Stadt wieder Санкт-Петербург (Sankt-Peterburg) zu nennen. Mit dem 300-jährigen Stadtjubiläum 2003 wurde das rekonstruierte, legendäre Bernsteinzimmer wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht! Genug Geschichte.
Zur Kultur und Lebensart: Auch und insbesondere die Sozialstruktur Sankt Petersburgs brach nach dem Zerfall der Sowjetunion auseinander: Neureiche stehen den Armen gegenüber. Nur sehr langsam wächst die Mittelschicht. Vor allem beim Staat Beschäftigte verdienen wenig: Lehrer, Ärzte, Busfahrer, Eisenbahner, Polizisten und Postbedienstete leben nah an der Armutsgrenze. Auch Alte stehen in Petersburg schlecht da: mit 20 bis 30 Euro monatlich leben die eine Million Rentner hier theoretisch unter dem Existenzminimum - auch hier in Russland! Sie sind gezwungen, Nebenjobs nachzugehen oder sich von Familienangehörigen finanziell unter die Arme greifen zu lassen. Der durchschnittliche Sankt Petersburger verdient 300 Euro - für eine der teuersten Großstädte der Welt sehr wenig. Überhaupt (auf Russisch: вообще): Geld ist eine sehr merkwürdige Sache hier: Während eine Fahrt mit der Metro nur 20 Rubel kostet, bezahlt man für eine Flasche Deo das fünffache! Außerdem rauchen auch deutlich mehr Menschen als in Deutschland - Gesetze wie bei uns gibt es anscheinend nicht (bzgl. Restaurants etc.). Das Leitungswasser ist nicht zum Trinken geeignet, zum Kochen werden wie überall auf dem Planeten 6 Liter-Kanister geschleppt. Gleich zu den Trinkgewohnheiten: Gewöhnlich bekommt man die Frage gestellt: "Чай или кофе?" ("Tee oder Kaffee?"). Das sind gleichzeitig auch in dieser Reihenfolge die wichtigsten Getränke des Volkes: meine Gastschwester und ich leeren in einer Woche eine Packung Teebeutel. Schwarztee ist, gefolgt vom Grüntee, die beliebteste Sorte. Abgesehen davon wird hier stilles Wasser (neuerdings auch mit verschiedenen Aromen) getrunken. Im Gegensatz zu den Deutschen trinkt hier kaum jemand Mineralwasser mit Gas. Saft ist auch relativ teuer und wird aus diesem Grund auch nicht so häufig wie in Deutschland getrunken (ich muss auch sagen, dass das gut so ist, denn er schmeckt nicht besonders). Essgewohnheiten: sehr vielfältig, wie auch in Deutschland und natürlich sehr von der Familie abhängig. Das wichtigste ist Brot, am besten zu allen Mahlzeiten. Suppe wird öfters gegessen als unter Deutschen, auch Salate gibt es in jeder Familie mehrmals wöchentlich über das ganze Jahr! Gewürzt werden sie mit erstaunlich fetthaltigen Soßen, vor allem Majonäse. Torten sind hier ein außergewöhnliches Kunstwerk: unglaublich dekoriert und mit allen möglichen Zutaten werden sie überall in feiner Verpackung angeboten und zu allen Feierlichkeiten verspeist. Borschtsch wird auch gegessen, aber eher selten, ebenso wie Kascha (ein Brei), der bei meiner Gastschwester zum Beispiel nicht dem Geschmack sondern der Verdauung dient. Gemüse und Obst sind in der gleichen Vielfältigkeit vorhanden und werden auch regelmäßig gegessen und in verschiedenen Mischungen angeboten (Gurken, Tomaten; Äpfel, Birnen). Themenwechsel: Geheiratet wird deutlich eher als in Mitteleuropa, nämlich im Alter zwischen 20 und 25 Jahren meistens das erste Mal. Scheidungen sind genauso üblich wie bei uns, ebenso mehrfache Heirat. Das Auftreten der Russen ist insgesamt ein sehr vielfältiges und gegensätzliches Bild: die jungen Russen - habe ich das Gefühl - haben mehr als die deutschen Jugendlichen. IPhones, iPods, PSPs, adidas- oder wahlweise Puma-Kleidung ist ein Muss. Kleidung kostet hier ebensoviel wie in Deutschland. Allerdings sind die Klamotten keinem direkten Trend zugeordnet: Während wir in Deutschland beispielsweise immer wieder feststellen, dass momentan Streifen-Look "in" ist, kann man das hier nicht pauschalisieren. Sie sind individuell und hängen trotzdem mitteleuropäischen Marken und Richtungen nach - alles sehr merkwürdig. Ach ja: Und dann gibt es noch das Netzwerk vKontakte (im Kontakt), die beliebteste Seite Russlands: fast 34 Millionen angemeldete Benutzer, von jung bis alt - ich bin auch schon angemeldet. Ähnlich wie alle Sozial-Communities von Facebook abgekupfert, aber etwas individueller. Zum Verkehr (ihr seht, ich gehe quer durch die Gesellschaft): Metro ist das wichtigste Verkehrsmittel (natürlich), wenn auch vollkommen überlastet: täglich fahren 2,5 Millionen Menschen auf fünf (!) Linien. Ich bin (von ca. 40 Fahrten) bisher zwei- oder dreimal in den Genuss gekommen, zu sitzen. Sie soll bis 2025 noch einmal verdoppelt werden, eine Ringlinie geschaffen werden usw. Aber das kostet Geld - und das ist ja, wie immer, schwierig zu beschaffen. Die Ampeln sind hier auch besonders: во-первых (1.) sind die Perioden viel länger als in Deutschland (etwa eine Minute), und das meint sowohl grün als auch rot. 2. wird die verbleibende Zeit oft auf einem Extra-Display angezeigt (Russland scheint Geld zu haben), 3. fängt die Ampel drei Sekunden vor rot an, zu blinken (auch die Fußgängerampel). Ach, zu den Fußgängern: die entscheiden oft gemeinschaftlich, ob jetzt über die Straße gegangen wird, da zählt nicht die Farbe, sondern die Menge die sich auf beiden Seiten der Straße gesammelt hat! Ein in Deutschland (fast) nicht mehr vorhandenes Verkehrsmittel hat auch eine sehr große Bedeutung: der Trolley- und bei uns Oberleitungsbus. Straßenbahn gibt es auch, habe ich aber noch nie benutzt und nachdem ich die ruinösen Spuren gesehen habe, will ich es eigentlich auch nicht mehr. Dann gibt es natürlich gewöhnliche Autobusse. Die Technik stammt übrigens zum größten Teil etwa aus den 80er Jahren, nur weniges kommt schon aus den 90er Jahren. Zu den Grünflächen und der Luft: es gibt weniger Grünflächen und Bäume/Sträucher als in Deutschland. Und die werden auch nicht beachtet: über vormalige "Grasflächen" gehen (fast) alle Petersburger ignorant darüber (ich werde mich trotzdem über die Leute beschweren, die vor Haus 3 über die Ecke gehen!), sehr schade. Dafür entstehen Arbeitsplätze: denn aller paar Wochen kommt eine Truppe, gräbt den Boden von Grund auf um, sät Samen. Die Stadt ist sehr schmutzig, ohne Frage. Nahezu täglich werden alle Straßen gereinigt, ob manuell mit Kehrschaufel und Besen, oder automatisiert mit Wasserstrahlen. Ich kann das nicht ganz verstehen, denn die Luft ist mehr oder weniger sauber (auch wenn sie oft einen eigenartigen Geruch hat), große Fabriken mit Feinstaubbelastung habe ich bisher nicht gesehen, aber vielleicht liegt es auch an den vielen (und sehr alten) Autos, die Tag für Tag die Straßen in der Innenstadt verstopfen und meine Busfahrt von 15 auf bis zu 30 Minuten verlängern. Zum Umweltbewusstsein der Menschen: Sechs minus! Das Wasser beim Zähneputzen, Duschen, Abwaschen usw. läuft durchgängig! Kein Wunder, dass sich niemand die Mühe machen will, Millionen von Kubikmetern Wasser auf Trinkwasserqualität zu bringen. Die Heizungen laufen oft auch bei offenen Fenster. Veraltete Geräte verbrauchen natürlich mehr Strom als moderne. Ob es einen TÜV gibt, der sich vielleicht auch um die Feinstaubbelastung Sorgen macht, kann ich nicht bestätigen, aber ich vermute: nein! Immerhin wird der ÖPNV intensiv genutzt, auch wenn der nicht besonders ökologisch ist. Interessant sind vielleicht auch die Ladenöffnungszeiten: in Deutschland gesetzlich beschränkt, ist das hier jedem egal. Es gibt auf der Straßen 5 m² große Blumengeschäfte, die rund um die Uhr geöffnet haben, Supermärkte haben auch oft 24/7 offen. Insgesamt machen die Geschäfte später auf als in Deutschland (so gegen 9/10) und schließen dafür auch später (generell so gegen 21-23 Uhr), wenn sie denn überhaupt schließen. Benzin ist hier übrigens sehr günstig - weniger als einen halben Euro bezahlt man für viele Sorten, teilweise nur ca. 33 Cent. Touristenattraktionen sind generell teuer, insbesondere für Ausländer: so macht Russland also sein Geld. Auch wenn Alkoholwerbung im Fernsehen indirekt verboten ist, wird in Russland - so meine Erfahrung - insgesamt mehr Alkohol getrunken als bei den Deutschen. Ein Beispiel: abends fahren Mutter und Vater, beide angetrunken mit einer Flasche Bier in der Hand, nach Hause - mit ihrem 3- bis 4-jährigen Kind in der Metro! Außerdem riecht es sehr oft irgendwie irgendwo nach Alkohol, was einem sehr unangenehm ist. Dann gibt es noch die Post: die ist zwar nicht so zuverlässig wie die gute, alte Deutsche, aber dafür um einiges günstiger. Außerdem klebt man hier nicht eine Briefmarke auf die Briefe, sondern oft eher so drei bis sieben verschiedene. Patriotismus: Logisch, warum er hier ausgeprägter ist als in Deutschland (ich kenne sowieso kaum Länder, in denen er weniger ausgeprägt als in Deutschland): die Sowjetunion war eine Siegermacht. Und der Tag der bedingungslosen Kapitulation des Dritten Reiches Deutschlands - der 9. Mai 1945 - ist bis heute Nationalfeiertag. Sehr interessant für einen Deutschen, nach fast 65 Jahren dabei zu sein, wie fünf Millionen Menschen die Niederlage seines eigenen Volkes feiern. Aber: Vergangenheit ist Vergangenheit - Deutschland hat sich gebessert! Eine große, schöne russische Flagge kann ich mir am Samstag dann höchstwahrscheinlich anschaffen, denn während wir höchstens bei Sportveranstaltungen unseren absoluten Maximalpatriotismus zeigen (ich erinnere an die WM 06), machen das die Russen aller paar Monate bei ihren Feiertagen (das letzte Mal am 1. Mai, da hab ich es allerdings verpasst, eine zu kaufen). Ostern ist sehr wichtig für die meisten Russen, denn viele sind seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder offiziell religiös. Ich durfte an der Zelebration teilnehmen, an meinem Anreisetag (19.4.), das habe ich noch gar nicht erzählt: Da gibt es - natürlich - einen speziellen Kuchen, sowie den eigenartigen Brauch des Eierstoßens (bei dem man dann noch "Christus ist erstanden" dazu sagen muss), sehr feines Essen und die Familie unternimmt etwas zusammen.
So, jetzt fällt mir erstmal nichts mehr ein! Vollgepackt mit Fakten wisst ihr jetzt Bescheid über Russland und seine Kultur. Ergänzende Fakten bzw. Anmerkungen sind im Kommentarfeld von allen (auch Anonymen) erwünscht! Auch weiterführende Fragen!
PS: Ich mache mal Werbung für Stefans (Link) und Oskars (Link) Blogs aus Mexiko!
Quellen: Wikipedia, Baedeker Reiseführer, eigene Erfahrungen
Labels: Aufenthalt, Kultur, Probleme

3 Kommentare:
Hey ho Rico!
Echt toll, was du dur hier angelegt hast!
ich saß hier gerad mit meiner Mutti vorm PC und war total erstaunt! Wäre ich nicht selber da gewesen, wäre ich jetzt ECHT neidisch!!!!
ist schon toll, wenn man sieht, was die anderen so für Eerfahrungen machen.
Achso....übrigens...ich kann dich voll und ganz verstehen. ich hab auch zusammen mit meiner gastfamilie, d.h gastvater sergei (28), gastmutter ksenia(27) und meinem kleinen gastbruder Stopa (4)in einer einraumwohnung gelebt. war aber sehr lustig und die zeit war supertoll!!!!!!!
ich hoffe, du genießt deien aufenthalt dort noch ein wenig. jonas, janine und ich sind schon wieder in deutschland und lassen uns von den lehrern nerven. wir fanden die zeit dort supertoll und wollten eigentlich gleich den nächsten flug zurück nehmen.
Viel spaß dann noch franzi vom vorbereitungsseminar ^^
Hey du! Schön, dass du dir das trotzdem zu Gemüte führst, obwohl du die Erfahrungen ja (zumindest so ähnlich) schon gemacht hast! Schön, dass ich die Begeisterung zumindest übertragen kann. Ich finde es ja auch sehr schön, aber die optimale Erfahrung bekommt man leider nicht in einem Monat ... aber ich glaube, dass ich jetzt grob eine Meinung habe! Ich freue mich aber wieder auf Deutschland, denn (inkl. der Osterferien) sechs Wochen ohne Freunde ist schon ziemlich langweilig. Aber - Gott sei Dank! - gibt es ja das Internet ... OK, liebe Grüße nach Sachsen-Anhalt aus Sankt Petersburg ;)
Hi Rico!
Da hast du dir ja viel Mühe gegeben! Echt super interessant. Schon komisch was die Leute anderswo machen, aber hier in Mexiko ist es nicht anders.^^
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